Auschwitz als Mahnung

„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren.“ So steht es am Höllentor in Dantes „Commedia“. Tadeusz Smreczynski musste daran denken, als er im Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau kam und durch das Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ trat.

Der junge Pole sollte das Konzentrationslager überleben, trotz der unmenschlichen Arbeitsbedingungen im Baukommando. Doch fast immer bedeutete dieser Ort Tod und Vernichtung: Mehr als eine Million Juden wurden zwischen 1940 und 1945 ermordet. Sie wurden vergast, erschossen oder kamen bei grausamen Experimenten ums Leben. Auschwitz: die Fabrik des Todes;

Die Herren dieser eingezäunten Hölle waren die Totenkopfverbände der SS. Sie vollstreckten und verwalteten den täglichen Massenmord. Ein ausgeklügeltes System der Täuschung ermöglichte vom Abtransport bis zur Ankunft im Lagerkomplex den reibungslosen Ablauf.

Todesurteil: Ungarische Juden bei ihrer Ankunft in Birkenau. [Public Domain]

In Auschwitz-Birkenau angekommen, begann umgehend die Selektion. Dabei entschied sich, wer durch Gas sterben musste und wer durch Arbeit. Der Massenmord nach Plan wurde bis zum letzten Entsetzen ausgeführt – mechanisch, systematisch und gründlich. Am Ende wechselten Zahngold, Uhren und Schmuck die Besitzer. Die Leichen wurden verbrannt, nichts sollte von ihnen übrig bleiben.

Am 27. Jänner 1945 erreichte schließlich die Rote Armee das Konzentrationslager. Die Ausmaße des Verbrechens ließen sich rasch erahnen, als man 350.000 Herrenanzüge und 837.000 Kleidungsstücke für Frauen im Lager vorfand. Viele Gefangene waren zu diesem Zeitpunkt bereits verlegt oder auf Todesmärsche geschickt worden. Lediglich 7.600 Häftlinge konnten noch lebend vorgefunden werden.

Marko Feingold überstand diese Hölle. Der älteste Holocaust-Überlebende Österreichs ist heute als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg weit über unsere Staatsgrenzen hinaus bekannt und geschätzt. Als dieser in Auschwitz-Birkenau sein Geld abgeben musste, meinte ein Mithäftling bloß: „Du wirst es nicht mehr brauchen, deine Lebenserwartung beträgt drei Monate, dann gehst du durch den Kamin.“ Doch er überlebte – nicht nur dieses Konzentrationslager, sondern auch Dachau und Buchenwald.

Nach Kriegsende war die Auseinandersetzung mit Auschwitz lange tabu. Erst 1961 wurde das Vernichtungslager – ausgelöst durch den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem – zu einem Thema. Auch die danach stattfindenden Auschwitzprozesse vor dem Schwurgericht in Frankfurt am Main halfen mit, die unfassbaren Gräueltaten ans Tageslicht zu bringen.

Im Jahr 2005 erklärten die Vereinten Nationen den 27. Jänner schließlich zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Seit 2015 wird auch in Salzburg mit einer großen Veranstaltung beim „Antifaschistischen Mahnmal“ an die Leidtragenden erinnert.

Der 27. Jänner ist kein Feiertag im herkömmlichen Sinne, aber dennoch von immenser Bedeutung. Die ehemalige deutsche Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth meinte dazu vor einigen Jahren: „Sich den bedrückendsten Wahrheiten unserer Geschichte zu stellen, ist unverzichtbar. Dazu verpflichten uns die Opfer, ihre Angehörigen und Nachkommen.“ Für uns selbst ist es ebenfalls notwendig, um den Zusammenhang von Erinnerungs- und Zukunftsfähigkeit besser zu begreifen.

Alexander Neunherz


Titelfoto:
Selektionsprozess an der Rampe von Birkenau/Auschwitz II. [Public Domain]

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