Die Goldegger Deserteure

fast-vergessene-helden-von-goldeggUmkämpfter Erinnerungsort für die ermordeten Goldegger Deserteure.

1943 in Goldegg, Ortschaft Weng: Sechs junge Männer beschließen, aus ihren Fronturlauben nicht mehr zur Wehrmacht zurückzukehren. Sie lehnen das sinnlose Morden in einem noch sinnloseren Krieg ab. Sie heißen Karl Rupitsch, Gustl Egger, Georg Kößner, Franz Unterkirchner, Richard Pfeiffenberger und Peter Ottino.

Monate später bricht der Terror über das beschauliche Dorf herein. Gestapo, SS und Gendarmerie durchkämmen am 2. Juli 1944 Höfe, Ställe und die angrenzenden Wälder. Die Nazi-Schergen töten 14 Menschen und verschleppen weitere 20 in Konzentrationslager.

Dem Salzburger Historiker Michael Mooslechner ist es zu verdanken, dass die Geschehnisse der Aktion „Sturm“ nicht in Vergessenheit geraten sind:

„Beim Unterdorf wurden die unbeteiligten Söhne Alois und Simon Hochleitner von der Gestapo meuchlings ermordet. Peter Ottino fiel im Kampf mit der SS, Karl Rupitsch und Gustl Egger wurden im Oktober 1944 im KZ Mauthausen erhängt, Georg Kößner noch im März 1945 in Glanegg erschossen. Richard Pfeiffenberger fiel in einer Strafkompanie. Nur Franz Unterkirchner und Sebastian Bürgler, der bereits vor Karl Rupitsch desertiert war, überlebten.“

Nach dem Krieg wurden Deserteure wie jene in Goldegg keinesfalls als Helden gefeiert, sondern vielmehr als „Verräter“ und „Feiglinge“ diffamiert. Sie mussten sich massive Vorwürfe gefallen lassen und wurden als „Vaterlandsverräter“ beschimpft.

„Wo sind die Deserteure? Wo sind die Eltern, sind die Freunde, die Brüder und Schwestern dieser erschossenen Deserteure, deren Leichen man auf die Schwelle des Friedens häufte?“. Heinrich Böll, 1953.

Das Umdenken in Österreich kam spät, beschämend spät. Die Opferthese machte das Verleugnen und Rechtfertigen einfacher. Erst die NS-Vergangenheit von Kurt Waldheim brach im Jahr 1986 diese einseitige Debattenkultur auf. Die Opfer der nationalsozialistischen Militärjustiz blieben aber nach wie vor im gesellschaftlichen Randbereich.

Es sollte ein weiteres Jahrzehnt vergehen, bis am Mythos der „sauberen Wehrmacht“ gerüttelt werden konnte. Die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ führte schließlich zu diesem Perspektivenwechsel, die Zeit fasste die Absicht des Gezeigten folgendermaßen zusammen:

„Die drei großen Verbrechenskomplexe der Nazizeit – die Diktatur, der Krieg und der Völkermord – lassen sich nicht voneinander trennen. Neben der NSDAP war die Wehrmacht die zweite tragende Säule des Regimes. Nicht nur die SS, sondern auch die Armee hat sich, vor allem im Osten, etlicher schwerer Kriegsverbrechen schuldig gemacht und war am Holocaust aktiv beteiligt.“

Im Jahr 1999 nahm die Debatte über die Rolle der Wehrmachtsdeserteure auch in Österreich an Fahrt auf, erste Urteilsaufhebungen wurden erwirkt. Zehn Jahre später wurde dann auch die pauschale Aufhebung aller Unrechtsurteile beschlossen.

In Goldegg kämpfte Brigitte Höfert, die Tochter von Karl Rupitsch, lange für einen Erinnerungsort für die ermordeten Deserteure. Hilfe bekam sie vom engagierten Historiker Michael Mooslechner und weiteren Freund_innen. Im Sommer 2014 wurde schließlich ein Gedenkstein verlegt – auf privatem Grund. Die Gemeinde Goldegg verweigerte die Zusammenarbeit.

Rund 70 Jahre mussten bis zu dieser Würdigung vergehen, eine beschämend lange Zeit. Aber nun ist er da, dieser Gedenkort und das unwiderruflich. Und das ist auch gut so.

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